„Hermetologie“  - Das Prinzip der geschlossenen Kultursphäre

Die  „Hermetosphäre“  (lat./griech. = „geschlossene Hülle“)


ist definiert als in sich komplett geschlossenes, autarkes kleines Ökosystem in lichtdurchlässigen Behältern mit dafür geeigneten Pflanzengemeinschaften in dynamischem Gleichgewicht.

     Jemand, der zum ersten Mal so einen kontrastreichen Urwald im Kleinen sieht, ist fasziniert und begeistert, aber der erste Zweifel lautet auch fast immer:  Ja, aber geschlossen -  das geht doch nur für kurze Zeit, oder??

 

     Dass es nicht nur längerfristig, sondern sogar für Jahrzehnte ohne Eingriff von außen funktionieren kann, wissen erfahrene „Hermenauten“ längst.  Besonders bekannt wurde das Experiment des über 80jährigen Engländers David Latimer, der in einem Daily Mail-Artikel  glaubhaft macht, dass er einen Gärballon, in den er 1960 eine kleine Tradescantia  pflanzte, seit 1972 nicht mehr geöffnet und somit auch nicht mehr gewässert hat. Ungeöffnet heißt hier aber auch: Rückschnitt und ästhetische Gestaltung unmöglich!  Somit extrem üppiger Wurschtel-Wuchs, von einer Pflanzengesellschaft kann  zudem nicht die Rede sein – dennoch:  Experiment eindeutig gelungen (…und es gelingt offenbar weiter…)

 

     Eigentlich sollte dies niemanden überraschen, denn die Prozesse, die im Glas ablaufen, sind die gleichen Sauer-, Kohlen- u. Stickstoffkreisläufe, die auch, gepowert vom Licht der Sonne, in der Erd-Sphäre ablaufen.

Wer den Schulstoff um die Photosynthese und das Zusammenspiel von „Produzenten“, „Konsumenten“ und „Destruenten“ nochmal auffrischen will, kann das punktgenau in dem sehr lehrreichen Blog „Keinsteins Kiste – Natur und Wissenschaft für alle Sinne“  der Dipl.Chem.  Kathrin Degen  alias Kathi Keinstein, die sich dabei ganz nebenher outet als begeisterte Hermenautin.

    

     Am leichtesten nachzuvollziehen ist für den Betrachter der stete Wasserkreislauf im Gefäß:  Bei fast gesättigter Luft ist die sogen. Taupunktdifferenz   naturgemäß sehr gering. Bereits kleine Temperaturabsenkungen am Standort lassen Wasser, das v.a. über die Blätter verdunstet, gut sichtbar an der inneren Gefäßwand niederschlagen und von dort zurück ins Substrat fließen. Bei Gefäßen, die nicht künstlich von oben beleuchtet werden und z. B. in Fensternähe stehen, geschieht dies in der Regel auf der dem Betrachter abgewandten, kühleren Fensterseite, so dass der Blick hinein unbeeinträchtigt bleibt. Solche Gläser sollten ab und zu etwas gedreht werden, um einseitigem Austrocknen, bzw. Überfeuchten des Substrates (und damit auch Algenwuchs) vorzubeugen.  Ausgeglichenes Wachstum der Pflanzen fördert man dadurch ebenso.

 

          Wurde das Substrat beim Erstellen der „Permakultur“ richtig befeuchtet (Anfänger überwässern zumeist!), ist weiteres Gießen für sehr lange Zeit nicht erforderlich. Da kein Deckel so dicht schließt, dass er das Entweichen kleinster Wassermoleküle komplett verhindert, hat sich der einmal jährliche „Check“ der H-Sphäre bewährt, bei dem man nicht nur den Zustand des Substrates (feucht – keinesfalls staunass!) erfühlen, sondern auch das Glas von innen reinigen, zu viel an abgestorbener Pflanzenmasse herausnehmen oder an lebendiger beschneiden kann – je nach Bedarf, Geschmack und Anspruch.  Deckel aus Holz oder gar Kork lassen (trotz dünner Silikondichtung) naturgemäß mehr Feuchtigkeit entweichen als gläserne;  Glasdeckel ohne Dichtung wiederum mehr als etwa klassische große Einmachgläser mit Dichtgummi und Spannbügel oder sauber eingeschliffene Apothekergläser.

 

     Bei Deckeln aus Holz ist zu beachten, dass die innenliegende Fassung genügend Spielraum lässt für das Arbeiten des Materials über der hohen Luftfeuchte:  Passgenau gedrechselte Holzdeckel sprengen das Glas schon nach wenigen Tagen!

 

     Nichtgläserne Deckel haben den Vorteil, dass man kleine, solarbetriebene LED-Leuchten in sie einarbeiten kann, deren dezenter Leuchtstrahl insbesondere an langen Winterabenden einen ganz besonderen Effekt hat:  Leider nur für kurze Zeit, da die Solarleuchten das direkte Sonnenlicht, das sie zur vollen Aufladung brauchen, auf H-Sphären eben nicht bekommen. Handwerklich möglich ist dies auch bei Glasdeckeln, aber extrem aufwendig und teuer für diesen Kurzzeiteffekt.

 

 

Holzdeckel:  zur Aufnahme einer Hängepflanze in sehr hohem Zylinderglas (links)

und mit LED-Solarleuchte auf 40 l - Weithals-Gärballon

 

 

     Das Pro und Contra-Prinzip gilt auch beim Thema „Licht“:  So unabdingbar wichtig ein heller Standort ist, so gefährlich ist direktes Sonnenlicht auf das Gefäß, selbst für nur kurze Zeit!  Blattverbrennungen und rasantes Ansteigen auf über 40°C haben schon traumhafte Kreationen zunichte gemacht, nur weil Unerfahrene den Brennglas-Effekt unterschätzten. Einfallendes Licht reflektieren die Blätter zudem als Wärmestrahlung, die dann, vom Glas eingeschlossen, das Innere sehr rasch erhitzen kann.

 

Klassischer Idealstandort ist ein Nordfenster (NO – NW) und an den anderen Hausseiten ein Platz soweit im Wohnungsinneren, dass direkter Sonnenlichtkontakt konsequent vermieden wird.

 

 

     Pro und Contra beim erforderlichen Substrat bedeutet: Gedeihen ja, aber keinesfalls zu üppiges Wachstum!  Leichter Gasaustausch über Diffusion ja, aber kein starkes Verrotten und damit Verdichtung als Vorstufe zur Fäulnis! 

Das Substrat ist somit weitestgehend anorganisch, insbesondere in der unteren Drainageschicht:  Die verschiedenen Formen von Lavagranulat, offenporig und nährstoffarm, gemischt mit Kiesanteilen untersch. Körnung haben sich hier bewährt. Die Wurzeln können atmen, Staunässe und „UnAerobic“ bleiben aus und wiederum  Diffusion  strebt danach, das Wasser im Substrat gleichmäßig zu verteilen: Unten im Gefäß darf kein stehendes Wasser sichtbar sein!

 

     Hohe Anteile marktüblicher Topf- oder Pflanzerde, zumeist vorgedüngt, oder schnell verschmierendes Seramis sind völlig ungeeignet, verhindern ein nährstoffarmes, oligotrophes System. Die Pflanzen sollen langsam wachsen, sich also sehr sparsam ernähren und ihr Stoffwechsel passt sich diesen Bedingungen erstaunlich gut an. Selbst die Wurzelballen bei gekauften Pflanzen sollte man grob abwaschen, dagegen ein „Sterilisieren“ des Substrates aus Angst vor möglichen Schaderregern gar nicht erst versuchen: Es ist nicht nur undurchführbar, sondern schlicht überflüssig, ja sogar schädlich (tötet wichtige Zersetzermikroben!).

 

     Wie der dünne, obere „Boden“horizont sich zusammensetzt, welche und wieviel Lehm- oder Humusanteile hier zum Einsatz kommen, hängt ganz von den Arten der geplanten Pflanzengemeinschaft und ihren Ansprüchen ab.

Eben diese Auswahl der Pflanzen und das Wissen um ihr Verhalten und ihre ökologische Spannweite unter solch besonderen Bedingungen

  • permanent nahe 100% rel. Luftfeuchte
  • begrenztes Raum- und Nährstoffangebot
  • wenig Luftbewegung und oft hohe Temperaturen
  • kaum ultraviolette Strahlung (abhg. v.d. Glasart)

definieren das Können der Hermenauten. Er/Sie muss nicht nur wissen, welche Arten hier bestehen können, sondern auch, wie sich bei denjenigen, die grundsätzlich klarkommen, etwa Verhalten, Wuchs und damit Aussehen verändern:  Heimische Laubmoose z. B. vergeilen in H-Sphären nach einiger Zeit, sie sterben nicht ab, sondern werden „unansehnlich“.  Und nur mit solchen Erfahrungen werden Hermenauten von Könnern zu Künstlern – die nicht nur dauerhaft lebensfähige Sphären erstellen, sondern ästhetische Kreationen mit feinsinniger Struktur und Wow-Effekt.

 

Selbstredend, dass es dabei auch unter Hermenauten individuell unterschiedliche Philosophien und Arbeitsweisen gibt – vom Minimalisten und asketischen Bonsaifreund bis hin zum schwärmerischen Dschungelmystiker, der sich ständig im Zaum halten muss, seine Gefäße nicht zu überfrachten.

 

        Im Fokus stehen somit naturgemäß Pflanzenarten aus ursprünglich feuchtwarmen, tropischen Lebensräumen.

Einen guten ersten Überblick verschafft die engagierte Website des Berliner Dipl.-Biologen und Botanikers Ulf Soltau , der sich seit über 15 Jahren für die geschlossenen Kulturgefäße begeistert.

 

     Eine aktuelle  Auflistung geeigneter Pflanzen  (siehe „Unsere Arbeitsweise“) kann nur einen Anfangsversuch darstellen: Durch die konstant wachsende Zahl begeisterter Hermenauten kommen ständig neue Erkenntnisse hinzu, die aufgrund heutiger Medienvielfalt nicht lange in kleinen Fachzirkeln verbleiben: Die Facebook-Gruppe „Hermetosphären“ zählt bereits über 1.000 Mitglieder…

 

     Wichtiger aber noch: Viele der in Frage kommenden Arten sind wohl bis heute in den Tiefen der tropischen Regenwälder noch gar nicht entdeckt. Über die immense Artenvielfalt dort wissen wir immer noch weniger als über die oft zitierte Rückseite des Mondes oder die Tiefen der Ozeane.

 

     Auch die Ära der Planthunter  hat also gerade erst begonnen...

 

 

Ohne Blüten unscheinbare,                                            Das thallose Lebermoos Conocephalum salebrosum -                                             seltene Zootrophion-Orchidee                                                               bisher kaum bekannte Kegelkopfmoos-Art 

 

 

     Die Pflanzen sind in solch einem Kleinstbiotop der Blickfang, sie erzeugen die Anziehungskraft. Für den Abbau von totem Pflanzenmaterial und somit Wiederaufbau der gewollt knappen Nährstoffe im Substrat sind darüber hinaus Destruenten erforderlich:  Mikroorganismen, insbes. bestimmte Bakterien, initiieren diesen Kreislauf ohne weiteres Zutun, denn sie sind in jeder (nicht steril erstellten) H-Sphäre natürlich vorhanden.  Diesen Recycle-Job können sie jedoch viel effektiver erledigen, wenn ihre Nahrung, die abgestorbene Materie, vorher zerkleinert wurde.

 

 

     Und hier kommen zwei winzige Tierarten ins Spiel, die sich sehr bewährt haben, die aber aktiv eingesetzt werden müssen, da sie nicht per se in der Substratmischung vorhanden sind.  Es handelt sich um Collembolen (Tropische Springschwänze)  und Trichorhina tomentosa (Tropische Weiße Asseln).  Sie sind außerhalb der Gefäße in trockener Wohnungsluft nicht lebensfähig, im Gefäßinnern dagegen laufen sie zur Höchstform auf und die kurzen Momente, in denen man die lichtscheuen Gesellen bei der Arbeit beobachten kann, sind echte Highlights.  Asseln tun sich unter 20°C schwer und stellen die Arbeit ein, deshalb kombiniert man am besten beide Arten. Hat man das Substrat einmal mit ihnen „geimpft“ (grobe Faustzahl: je 10-15 pro Liter Gefäßvolumen – ideal mit einem langen, dünnen Trichterrohr), pendelt sich eine stabile Populationsgröße im Innern ein und das ohne jedes Zufüttern.

 

 

             Weiße Asseln                                                    Trop. Springschwänze                                           Trichterrohr

    

     Noch wichtiger: Sie sind die ideale „Putztruppe“ gegen Schimmelpilzbefall.  Ihre Lieblingsnahrung schleicht sich vor allem in der Frühphase bei neu erstellten Gefäßen punktuell an überfeuchten Stellen ein.  Und bis die Substratfeuchte ideal eingestellt ist, ist die Rolle dieser Boden- und Gesundheitspolizei, auch später gegen Algen, gar nicht hoch genug einzuschätzen.  Sie sind zu Unrecht wenig populär und kaum bekannt, dennoch überall im Zoo- oder Terrarienfachhandel für wenig Geld erhältlich. Sie ersparen uns den Einsatz von Fungiziden wie Chinosol.  

 

     Die Erfahrung zeigt, dass selbst Leute, die beim Stichwort Insekten erst einmal leicht zusammenzucken und vor allem an Parasiten denken, sehr schnell mit ihnen vertraut werden.

 

     Pro und Contra zu diesem Punkt:  Wer die spektakulären und entsprechend beliebten Sonnentaugewächse (Droseraceae), also fleischfressende Pflanzen in seine Hermetosphären einbringt, darf dann auch nicht auf die Solidarität seiner Putztruppe zählen…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     Hydnophytum formicarium  -  Ameisenpflanze („Myrmekophyte“) aus Malesien (Fam. Rubiaceae = Rötegewächse);  epiphyt.  Kleinstrauch mit bizarr kugeliger Knolle und schönen elliptischen Blättern:  nur für große Gefäße;  die so genannten „Domatien“ im Inneren der Hypokotylknolle sind ideale Wohn- und  Nisträume für Asseln und Springschwänze…