Geschichte   ---   von 1825 bis heute…

Bereits 1825 entdeckte der Schotte Alan Maconochie anhand eines Holzkastens mit dichtem Glasdeckel das "Gewächshaus-Phänomen".  Das Licht, das ihm dabei aufging, stellte er aber unter den Scheffel  ...und machte nichts daraus.

 

Erst der Engländer Nathaniel Bagshaw Ward(1791 – 1868), Arzt und dazu leidenschaftlicher Botaniker, machte zu Beginn der 1830er Jahre mit seinem „Ward´schen Kasten“  transportable Gewächshäuser populär.

 

 

Schon als Junge sammelte er begeistert Insekten und Pflanzen, vor allem Farne. Neugierig hatte er einmal eine Raupe mit etwas Erde und Blättern in eine Glasflasche gesetzt. Der Schmetterling entpuppte sich aber als gewöhnlicher, für ihn uninteressanter Schwärmer. Er ließ ihn frei und die wieder verschlossene Flasche blieb unbeachtet auf einer Fensterbank an der Nordseite seines Hauses sich selbst überlassen. In der Erde keimten zwei Samen, ein Wurmfarn und ein Süßgras, beide für ihn zunächst so wenig interessant wie der Schwärmer, aber da sie so gut gediehen, beobachtete er sie weiter.

 

Gut belichtet und doch vor direkter Sonne geschützt, immer gleichmäßig feucht und ohne den schädlichen Ruß aus der verdreckten Londoner Luft waren im Glas offenbar ideale Wachstumsbedingungen entstanden:  Vier Jahre lang gediehen die beiden, das Gras blühte sogar einmal und erst, nachdem der Deckel durchgerostet war, gingen die Pflanzen ein – vermutlich vertrocknet. Wards Forscherdrang hin zu hermetisch verschlossenen, verglasten Behältern auch für größere Pflanzen war jedoch geweckt. Damals ahnte er sicher noch nicht, welche Bedeutung seine „Ur-Hermetospären“ nicht nur für die botanische Forschung und seinerzeit interkontinental agierende Pflanzenjäger , sondern für die gesamte Weltwirtschaft der damaligen Zeit haben würde. In dieser Gründerphase der Kolonialisierung begann man, gezielt nach neuen Zier- und Nutzpflanzen zu suchen und sie zu importieren.  Die „Globalisierung“ dessen, was wir heute Agrarhandel nennen, und der Bruch bestimmter, lang gehegter Agrarmonopole wurden damit erst möglich. Wards Idee, die den Pflanzentransport revolutionierte, fasste er 1842 in seinem Buch „On the Growth of Plants in Closely Glazed Cases“ zusammen.

 

Von nun an konnten Jungpflanzen selbst mehrmonatige Schiffstransporte aus der Südsee oder Australien ohne ständige Gaben kostbaren Süßwassers und ohne Frischluft, also der Berührung mit salziger Meeresgischt, überstehen, solange die „Wardian Cases“ nur oben an Deck blieben und nicht im dunklen Schiffsinneren verstaut wurden. Ward hatte die Behälter im Gegensatz zu früheren Transportkisten vollständig verglast und hermetisch versiegelt, Holzteile und –sprossen mit Ölfarbe gestrichen, alle Gläser sorgfältig eingekittet. Das einmal richtig dosierte Wasser wurde von den Pflanzen verdunstet und floss als Kondenswasser an den Glasflächen zurück in die Erde – ein sich durchaus über Jahre selbsterhaltender Zyklus. Voraussetzung: Die Behälter blieben dicht und bekamen ausreichend Licht.

Nachdem Matrosen und vor allem Kapitäne das einmal kapiert hatten, wurden Unternehmungen möglich, die bis dahin undurchführbar erschienen. Nutzpflanzen wie Kautschuk, Tee, Hanf, Chinarindenbaum reisten im Auftrag der europäischen Kolonialmächte um die Welt mit dem Ziel, sie in ihren Kolonien anzubauen.  Hier nur die „Highlights“:

 

  • 1848 verschiffte Robert Fortune 20.000 Teesetzlinge in Wardschen Kästen von China nach Indien, wo Teeanbau bis dahin kaum eine Rolle spielte. Die Setzlinge wurden erfolgreich angesiedelt und als „Assam“ und „Darjeeling“ eroberten ihre Blätter die Welt…
  • 10 Jahre vorher hatte ein gewisser Charles Goodyear die Vulkanisation von Gummi erfunden, was die Nachfrage nach Kautschuksaft explodieren ließ. Nur wenige Jahre später wurde der getrocknete Saft bereits in Silber aufgewogen. Die nutzbaren Arten von Hevea brasiliensis wuchsen in Südamerika, Brasilien hatte praktisch das Monopol.  Mit Hilfe Wardscher Kästen gelang es den Engländern, genügend Jungpflanzen aus Brasilien herauszuschmuggeln und den eigenen Anbau auf Ceylon (Sri Lanka), Jamaika, in Queensland und Kamerun zu starten  –  das Monopol Brasiliens war gebrochen.
  • Chinin aus der Chinarinde war damals das einzige Mittel gegen die gefürchtete und in den Tropen allgegenwärtige Malaria. Beheimatet in Südamerikas Bergregionen, reisten Cinchona-Jungbäume auf engl. und holländischen Schiffen zu neuangelegten Plantagen nach Indien, Java und ins Kongobecken.
  • Im Gegensatz zur extrem wichtigen Hanfpflanze (Schiffstaue), die man auch durch Saatgut verbreiten konnte, waren für die nur vegetativ mögliche Verbreitung  z. B. der Chinesischen Banane (Musa cavendishii) Wardsche Kästen unverzichtbar.

 

Wards Idee ermöglichte nicht nur den Aufschwung der Kolonialwirtschaft im 19. Jahrhundert. Der jetzt beinahe verlustfreie Transport empfindlichster Gewächse, einhergehend mit dem Preisverfall der vorher exklusiven Importe, verschaffte breiten Schichten der Bevölkerung den Zugang zu Pflanzen, die bisher dem Königlich-Botanischen Garten oder nur wenigen schwerreichen Sammlern vorbehalten waren. Die meisten dieser Importe aus den Tropen und Subtropen brauchten konstant Wärme plus hohe Luftfeuchtigkeit und hier fanden Wards Gefäße ihre zweite Verwendung: 

 

Sie verschafften Orchideen, Farnen, Palmen & Co ideale äußere Bedingungen und somit einen enormen Aufschwung und ungeahnte Verbreitung. Wardsche Kästen gab es bald in jedem Salon, reich verziert wie damals üblich:  Blickfänger im besten Sinne und darin die malerischen Exoten.

 

Wardsche Kästen  aus engl. Salons des 19. Jahrhunderts  (Quelle: Wikipedia)

 

     Von diesen elegant verschnörkelten Zimmergewächshäusern sind in Sammlungen und Museen durchaus viele Exemplare erhalten, von den Original-Wardschen-Kästen, in denen die Pflanzen unterwegs waren, finden sich nur noch sehr wenige.

 

      Im Frühjahr 2010 ein überraschender Zufallsfund: Auf dem Dachboden des Botanischen Museums Berlin-Dahlem entdeckten Mitarbeiter mehrere Wardsche Kästen, die dort „seit Jahrzehnten schlummerten“ -  der am besten erhaltene wurde in der Ausstellung „Humboldts Grüne Erben“ gezeigt.  Die Restaurierung der übrigen wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen (wie gesagt: es war in BERlin).

 

       Im „Langen Haus“ der Orangerie im Park Belvedere in Weimar ist ein Wardscher Kasten in neuaufgelegtem, modernem Design zu bewundern. 

 

 

           Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren Pflanzen in Wards Behältern unterwegs, dann etablierte sich der zeitsparende Frachtflugverkehr.  Der letzte Seetransport aus den Royal Botanic Gardens in Kew (im Südwesten Londons) ging 1962 nach Fidschi.

 

         Transportstandard für empfindliche Pflanzen ist heute der luftdicht versiegelte Polyurethanbeutel – wenn man so will, eine „Trivial-Hermetosphäre“:  Das Prinzip ist dasselbe wie bei Ward…

 

         Ihren ganz praktischen Alltagsnutzen haben H-Sphären also nach wie vor, nur gebaut aus anderen Materialien. Ästhetisch reizvolle Behälter aus überwiegend Glas finden in letzter Zeit wieder verstärkt Interesse bei Pflanzenfreunden unterschiedlichster Kategorie, vom Botanik-Enthusiasten und Sammler besonders kunstvoller Einzelstücke über Liebhaber spezieller Orchideen-, Farn- oder trop. Moosarten bis hin zu Menschen, die von sich behaupten, keinen „grünen Daumen“ zu haben, denen liebgewordene Pflanzen immer wieder eingehen, die oft längere Zeit nicht daheim sind und sich nicht kümmern können. Gerade für letztere sind die „Hermetos“ ideale Mitbewohner, denn man kann sich ständig an ihnen erfreuen und muss sich, außer ihnen einen guten Standort zu geben, nicht weiter um sie kümmern.

 

       Jeder, der einmal so einen Moos-Mikrokosmos (…das Wort des Jahres 2017) an sein nördliches Küchenfenster gestellt hat, an dem sonst nie etwas wuchs, kennt die Faszination und weiß, wie magisch ein solches Gefäß die Blicke anzieht und bannt.

 

       Wenn in Rußland jemand nachdenken muss, geht er im Winter hinaus auf den nächsten See, sägt ein Loch ins Eis, Schnüre und Köder hinein, und dann auf dem Hocker daneben nach unten schauen und warten:  Bei nichts könne man so gut nachdenken, sagen die Russen, wie beim Eisangeln.  Dem gestressten Westeuropäer sei hier die Hermetosphäre empfohlen:  Nichts lässt einen so gut runterkommen, entspannt meditieren und gleichzeitig so konzentriert nachdenken wie der Anblick eines „Gartens im Glas“, der sich, handwerklich gut und phantasievoll gemacht, bei aller Konstanz je nach Tageszeit, Lichteinfall und Schattierung doch ständig verändert, der zwar gewollt langsam wächst, aber eben zuverlässig gedeiht und das beinahe ganz ohne äußeres Zutun.

 

Balsam für die Seele,  Yoga ist nichts dagegen,  die eigene Stimmung wird unmittelbar besser

 

 -  klingt übertrieben?     Ist es nicht.        Aber Vorsicht:  Suchtfaktor extrem hoch!

 

 

 

      Die Renaissance der Jardins de verre  beginnt gerade erst…

 

 

Quellen:

      -  Berliner MuseumsJournal  4 / 2010

      -  WIKIPEDIA

      -   Matrosen sind keine Gärtner,  „mare“ No. 81, Aug. 2010